27.04.08

08:54:55, Themen: Geschichten

Pechvogel im Glück

Es ist Frühling, die Sonne lacht, Blumen blühen und Blätter sprießen. Durchs offene Fenster strömt milde Luft in den Raum, ein Hauch, der die Sehnsucht erweckt: Hinaus in die Ferne, in die freie Natur! Ich sitze und schreibe. Besser gesagt, ich sitze und nehme wahr, lasse mich ablenken von meiner Arbeit, so recht von Herzen froh.

Plötzlich ein dumpfer Schlag vom Nebenzimmer. Ein Vogel? Wieder ein Vogel gegen das Fenster? Auf der großen Scheibe der Terrassentür sehe ich die deutlichen Spuren im Gegenlicht. Breitgefächerte Vogelschwingen! Federflusen haften daran. Der Frontalflug eines kleinen Vogels gegen das harte Glas! Hoffentlich ist er noch einmal mit dem Schrecken davon gekommen. Dicht an der Tür liegt er, gespreizt seine Flügel, leblos und platt.

Ob ihm noch zu helfen ist? Ich eile in die Küche und kehre mit einem gefüllten Wasserschälchen zurück. Aber was ist das?

Ein Grünfink stürzt auf den Pechvogel zu. In höchster Erregung flattert er piepsend um ihn herum, hüpft vor, hüpft zurück, ruft flehendlich und zupft heftig am zausigen Gefieder. Wehklagend und angstvoll klingen seine langen Töne.

Es könnte das Finkenweibchen sein, das in übermütigem Fluge seine Orientierung verlor und gegen die spiegelnde Scheibe prallte, schießt es mir durch den Kopf.

Der Finkenhahn ist außer sich. Mit kurzen Hieben hackt er auf die leblos daliegende Gefährtin ein. Provozierend zieht und zerrt er an ihrem Gefieder. Sie zuckt, doch kraftlos sackt ihr kleiner Kopf tiefer und tiefer in die daunigen Halsfedern. Verzweifelt sucht der Fink nach allen Seiten, hilflos mit raschen, kurzen Flügelschlägen. Dann bewegt er sich hastig vom Unglücksort fort, hin zum Rasenrand und in schnellem Flug wieder zurück. Dabei lockt er energisch und laut.

Beeindruckt beobachte ich dieses Schauspiel in der Natur und fühle mich hilflos.

Dann, langsam, ganz langsam hebt das Finkenweibchen seine geschlossenen Augenlider, doch schwer fallen sie wieder zu. Immer noch ruht der Kopf tief im Gefieder. Der kraftlose Körper ist auf die breit gestellten Schwanzfedern gestützt. Ein trauriges Häufchen Unglück vor mir!

Der Fink gibt nicht nach. Er will sein Weibchen zurückgewinnen. Er muss es wach halten. Hatten beide doch gerade in berauschendem Flug ihren Brutplatz ausfindig gemacht! In schnellen Sätzen springt er erneut vor und zurück. Sein Schnabel bewegt sich unaufhörlich, und als es scheint, es wolle die letzte Kraft verlieren und in sich zusammensinken, hackt er zu und reißt zwei, drei Federn aus der dick geplusterten Halspartie, heftig mit den Flügeln schlagend, hüpfend auf sich aufmerksam machend.

Das Finkenweibchen schnellt hoch. Einmal, zweimal! Es hält die Augen weit geöffnet. Mit vorgestrecktem Kopf, in höchster Erregung, flattert der Fink vor ihm hin und her. Seine Bittrufe klingen laut. Dann wird es leise. Er entfernt sich ein paar Hüpflängen und fliegt in den nahen Fliederbaum. Er ruft wieder. Das Weibchen schaut. Es rührt sich nicht. Hastig schwingt der Grünfink auf die Terrasse zurück, rutscht über die glatten Keramikplatten bis hin zu ihm. Es bleibt ruhig. In schneller Reihenfolge perlen zärtliche Töne, und sein Lockspiel wiederholt sich aufs Neue.

Vorsichtig bewege ich mich, das Wasserschälchen in der Hand, und versuche leise die Tür aufzuschieben. Ein jäher Ruck! Erschreckt wendet das Finkenweibchen seinen Kopf, plustert sich, wie nach einem guten Schlaf, fliegt auf, über den Kirschlorbeer dahin, geradezu in Nachbars große Kiefer.

Der Finkenhahn flötet hell in den lieblichsten Tönen.
  

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